Die Welt trauert mit Tschechien um Vaclav Havel
Die Welt trauert mit Tschechien um Vaclav Havel
Er war die Symbolfigur des demokratischen Aufbruchs in der früheren Tschechoslowakei und ein grosser Staatsmann. Die Welt trauert um Vaclav Havel.
Nur zwei Monate nach seinem 75. Geburtstag ist der frühere Dissident und ehemalige tschechische Staatspräsident Vaclav Havel am Sonntag früh im Schlaf gestorben. Seit mehreren Monaten war seine angeschlagene Gesundheit sichtbar. Nach einer neuerlichen Erkrankung der Atemwege Anfang 2011, mit denen der frühere Kettenraucher chronisch Probleme hatte, tauchte er nur mehr sehr selten in der Öffentlichkeit auf und beschränkte sein Arbeitsprogramm drastisch.
Als Havel dem derzeitigen Staatspräsidenten Vaclav Klaus im Juni schriftlich zu seinem 70. Geburtstag gratulierte, schrieb er unter anderem: "Heuer möchte ich Dir besonders Gesundheit wünschen. Glaub` mir, ich weiß, wovon ich rede." 1996 hatten Havel die Ärzte einen bösartigen Tumor aus der Lunge entfernt.
Für einen Termin nahm sich Havel aber doch Zeit - für die Premiere seines Films "Abgang" (auf Tschechisch "Odchazeni"), den er 2010 selbst als Regisseur, auf Basis seines gleichnamigen Theaterstücks in Szene setzte und sich damit einen alten Traum erfüllte. Die Kritiker warfen ihm zwar vor, das Theaterstück nicht an die Filmsprache angepasst zu haben, dies hielt ihn allerdings nicht von weiterer schöpferischer Arbeit ab.
Noch vor wenigen Tagen begrüßte er in Prag das Oberhaupt der Tibeter im Exil, den Dalai Lama. Dabei war Havel, der sich beim Gehen auf einen Stock stützte, sichtlich müde und abgemagert.
Ein weiteres Vorhaben schaffte Havel nicht mehr: "Schon ein bisschen im Kopf" hatte er die Idee für sein nächstes Theaterstück, das er noch schreiben und damit seine Literatur-Karriere beenden wollte. Über den Inhalt wollte er zunächst nicht sprechen. Nur den Titel verriet er: "Sanatorium". "Ich habe gern, wenn alles zusammen einen Sinn hat. Dem `Abgang` folgt nur noch das `Sanatorium`", sagte Havel.
An der Spitze des tschechoslowakischen bzw. tschechischen Staates stand er in den Jahren 1989 bis 2003 - mit einer mehrmonatigen Pause 1992/1993, als der gemeinsame föderative Staat der Tschechen und Slowaken zerfiel. Damals betrachtete er den Untergang der Tschechoslowakei als eine persönliche Niederlage, weil er sich als Staatsoberhaupt sehr für die Aufrechterhaltung des 1918 von seinem Idol Tomas Garrigue Masaryk gegründeten Staates einsetzte. Später korrigierte Havel jedoch seine Auffassung im Bezug auf die Teilung der Föderation. "Wie bizarr es auch immer passierte, ist es doch gut, dass es passierte", betonte er.
Auf die Prager Burg - den Sitz des Präsidenten - brachten Havel die Umbruchereignisse vom Herbst 1989. Noch im selben Jahr verbrachte er einige Monate im Gefängnis des kommunistischen Regimes. Im November 1989 wurde er zur Symbolfigur der "Samtenen Revolution", die er unter seinem Motto "Wahrheit und Liebe müssen siegen über Lüge und Hass" zu einem siegreichen Ende führte.
Gegen den Kommunismus kämpfte der am 5. Oktober 1936 in eine bekannte Prager Unternehmerfamilie hineingeborene Havel Jahrzehnte lang. Wegen seiner "bourgeoisen Herkunft und Gesinnung" konnte er seine Studienpläne nicht verwirklichen, so dass er gezwungen war, eine Ausbildung als Chemielaborant zu beginnen. Sein ursprünglicher Wunsch, Geschichte und Philosophie zu studieren, scheiterte wiederholt an den ideologischen Hürden des Regimes.
Mit seiner Selbstverwirklichung begann Havel Ende der 50er bzw. Anfang der 60er Jahre in den Prager Theatern, wo er zunächst als Bühnenarbeiter und später auch als Schauspielautor tätig war. Nach der Niederschlagung des "Prager Frühlings" 1968 fiel er noch stärker in Ungnade. 1977 gehörte er zu den Gründern der Untergrundinitiative für Menschenrechte, "Charta 77", was ihn später für mehrere Jahre ins Gefängnis brachte. Seine literarischen Aktivitäten setzte Havel trotz des Verbotes seiner Stücke und eines Lebens als Hilfsarbeiter und Dissident bis 1989 fort.
Im Jänner 1996 starb seine erste Ehefrau Olga, die ihn in den schweren Jahren der Aufenthalte in kommunistischen Gefängnissen moralisch gestützt hatte. Anfang 1997 heiratete er überraschend die populäre und um 17 Jahre jüngere Schauspielerin Dagmar Veskrnova. Das neue Lebensbündnis ermunterte ihn psychisch so weit, dass er mit Dagmar an ein Kind dachte. Dieser Wunsch blieb jedoch unerfüllt.
"Gallionsfigur der Demokratiebewegung"
Der tschechische Premier Petr Necas bezeichnete den Tod Havels als "riesigen Verlust". Er sei "menschlich sehr betroffen". Der Ex-Präsident habe großes Ansehen genossen und verdiene seitens des Staates die höchsten Ehren. Havel sei eine Symbolfigur dafür, "was hier 1989 passierte". Er habe sehr viel für die Tschechische Republik, für deren Übergang zur Demokratie und für deren Eingliederung in die EU-Strukturen getan, so Necas.
Auch international wurden Havels Verdienste um Freiheit und Demokratie gewürdigt. In Österreich brachten sowohl Bundespräsident Heinz Fischer als auch die Regierungsspitze und die Opposition ihre Betroffenheit zum Ausdruck. Fischer erklärte, mit dem Tod Vaclav Havels habe "der eindrucksvolle Lebensweg eines großen Europäers, Schriftstellers und Humanisten ein Ende gefunden". Havel sei "in Österreich in höchstem Maße geschätzt und anerkannt worden". Bundeskanzler Werner Faymann (S) würdigte Havel als eine der "wesentlichen politischen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit". Außenminister Vizekanzler Michael Spindelegger (V) sprach von einer "Galionsfigur der tschechischen und europäischen Demokratiebewegung".
Der jetzige Staatspräsident Tschechiens, Vaclav Klaus, plante für Sonntagnachmittag eine Pressekonferenz, auf der er sich zum Havels Tod äußern wollte. Am Montag wird eine außerordentliche Sitzung der tschechischen Regierung stattfinden, bei der über die Ausrufung der Staatstrauer entschieden werden soll.
Die wichtigsten Stationen im Leben von Vaclav Havel
05. Oktober 1936: Vaclav Havel wird als Sohn eines Bauunternehmers geboren. Nach der kommunistischen Machtergreifung 1948 und der Verstaatlichung muss sein Vater als Büroangestellter arbeiten.
1951: Wegen seiner "bourgeoisen" Herkunft wird Vaclav Havel an der Ausbildung gehindert. Von 1951 an absolviert er eine Lehre als Chemielaborant und holt 1954 an einem Abendgymnasium die Matura nach.
Von 1960 an arbeitet Havel am Prager "Theater am Geländer" als Dramaturg und Hausautor. In seinen Dramen persifliert er das totalitäre Staatssystem und die Bürokratie.
1964: Havel heiratet Olga Splichalova. Sie stirbt 1996 an Krebs.
1968: Während des "Prager Frühlings" engagiert sich Havel als Vorsitzender des "Clubs unabhängiger Schriftsteller". Da für seine Werke ab 1968 im gesamten Ostblock ein Veröffentlichungsverbot gilt, verdient er sein Geld als Hilfsarbeiter in einer Brauerei. In den 1970er Jahren spielen rund 60 deutschsprachige Bühnen seine Stücke mit großem Erfolg, bereits in den 1960er-Jahren wird sein Werk auch in Wien aufgeführt.
1977: Havel wird Mitbegründer und Sprecher der Menschen- und Bürgerrechtsbewegung "Charta 77". In der Folgezeit wird er mehrfach festgenommen und wegen "staatsfeindlicher" Aktivitäten zu insgesamt fünf Jahren Haft verurteilt.
Dezember 1989: Nach der "Samtenen Revolution" wird Havel einstimmig zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten der CSSR bestimmt.
Januar 1993: Nach dem Zerfall der Tschechoslowakei in zwei eigenständige Republiken wird der parteilose Havel vom Parlament in Prag zum Präsidenten der Tschechischen Republik gewählt.
Dezember 1996: Ärzte diagnostizieren bei Havel Lungenkrebs und entfernen ihm eine bösartige Geschwulst aus dem rechten Lungenflügel. In den Folgejahren muss sich Havel unter anderem einer Notoperation unterziehen.
Januar 1997: Havel heiratet die 43-jährige Schauspielerin Dagmar Veskrnova.
Januar 1998: Das Parlament wählt Havel in der zweiten Runde für eine letzte Amtszeit als Präsident wieder.
Februar 2003: Havel scheidet aus dem Amt.
Mai 2006: Mit seiner Autobiografie "Fassen Sie sich bitte kurz" feiert Havel nach 15 Jahren ein Comeback als Schriftsteller.
Mai 2008: Die Premierenaufführung seines Stücks "Abgang" im Prager Theater Archa wird von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen.
Januar 2009: Nach der Entfernung eines Abszesses im Halsbereich verschlechtert sich Havels Zustand dramatisch. Die Ärzte fürchten wegen einer Lungenentzündung um sein Leben.
Sommer 2010: In der für ihn neuen Rolle des Regisseurs verfilmt Havel auf einem Schloss in Nordböhmen seine Tragikomödie "Abgang".
März 2011: Havel wird mit einer akuten Lungenentzündung in ein Prager Krankenhaus eingeliefert. Nach der Behandlung mit Antibiotika verlässt er die Klinik, um wenige Tage später im Prager Lucerna-Kino sein Debüt als Filmregisseur zu präsentieren. Die Verfilmung seines Theaterstücks "Abgang" erhält gemischte Kritiken.
Ende März 2011: Havel zieht sich zur Erholung von seiner jüngsten Lungenentzündung aufs Land zurück. Auf Anraten seiner Ärzte sagt er alle Termine ab.
Dezember 2011: Havel richtet einen Appell an die Öffentlichkeit, Dissidenten in aller Welt zu unterstützen. Mitunterzeichner sind der Dalai Lama, das geistige Oberhaupt der Tibeter, und der französische Ex-Außenminister Bernard Kouchner.
18. Dezember 2011: Havel stirbt auf seinem Gut nahe dem ostböhmischen Ort Hradecek.
(18. 12. 2011 | Wirtschaftsblatt)